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  • »Werner David« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 82

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1

Freitag, 27. März 2015, 19:37

Zentrale Datenbank mit wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Thema Insekten?

Auf der Suche nach Informationen über Biologie und Ökologie einzelner Insektenarten stoße ich immer öfter an die Grenzen des Internets. Für den Einstieg in eine Thematik ist es bestens geeignet aber sobald man versucht etwas in die Tiefe zu gehen, dünnt es ganz schnell aus. Außerdem kann man nie hundertprozentig sicher sein ob die angegebenen Fakten sauber recherchiert und korrekt sind. Gibt es eine Art zentrale Literaturdatenbank oder eine ähnliche Institution mit einer vernünftigen Suchfunktion um Zugriff auf wissenschaftliche Originalarbeiten zu bekommen? Ich bin zwar im Internet auf Quellen gestoßen, aber da zahlt man dann schnell mal30 € für einen Artikel. Das mag er inhaltlich ja auch durchaus wert sein, würde mein finanziellen Rahmen aber doch etwas sprengen:)

Da meine Studienzeit nun doch schon einige Jährchen zurückliegt, habe ich den Kontakt zu Universitäten und Bibliotheken komplett verloren.

Über alle Tipps in dieser Richtung würde ich mich freuen.

LG Werner

2

Samstag, 28. März 2015, 13:47

Hallo Werner,

Im grossen und ganzen kann ich nur Deine "Empörung/Traurigkeit" Beifall leisten. Was Du suchst gibt es nicht. Und für uns "Normalsterbliche" erst recht nicht. Wenn man als Student oder Mitarbeiter an einer Universität verbunden ist hat man dann wenigstens noch "kostenlos" Zugang zu einem Grossteil von den von Dir schon angesprochenen Artikel von 30-40 Euro für wenige Seiten A4 bei "$pringer & Co." Komisch eigentlich: Die Leute die das alles bezahlen, bzw "der Steuerzahler" der sowohl das Gehalt versorgt der Wissenschaftler welche die Artikel im Arbeitszeit des Bosses (Uni?) schreiben, als auch die Grundlagen die Studenten das Studium erst möglich machen haben keinen Zugang zu allem mit Steuerngelder zusammengebrachtes "Wissen". Das darf jetzt etwas überzogen sein, das ist mir schon bewust, aber ganz ohne ist eine sölche Stellungnahme auch nicht.

Mir ist schon klar das Autore normalerweise überhaupt nichts für Artikel bezahlt bekommen, oder schlimmer noch: selber bezahlen müssen um ein Artikel überhaupt publiziert zu bekommen. Sprich: Die arme Wissenschaftler können auch nichts dafür. Nun ja, nur das die eben ihre Seele verkauft haben an ein System das al dieses so organisiert wie es im Moment organisiert wird. Schon komisch. Keiner bekommt Geld (ich glaube eigentlich auch kaum an der Fabel das die Fachkompetente "peer reviewers" oft Geld bekommen für die Arbeit des reviews), aber die Verlage nehmen erst Geld für das akzeptieren der Arbeit und danach viel Geld für das Verteilen de Veröffentlichung. Irgendwas scheint da ja nicht zu stimmen.

Was auch zu Günsten der Verlage mitspielt sind die lächerliche Urheberrechtgesetze die in der ganzen "modernen" Welt verbreitet sind, und wohl grösstenteils von den VS abgeküpfert, bzw von deren Lobby beeinflusst um deren Gesetze überal durch zu setzen, welche hinwieder von Grosskonzerne wie Disney "gekauft" worden sind. Veröffentlichungen gesetzlich schützen bis 70 Jahre (oder waren es nun 75?) nach dem Tode des Autors. Was soll der Schwachsinn? Ein Wissenschaftler schreibt, ohne je einen Pfennig dafür zu bekommen, als 20 Jähriger ein Artikel in einer Fachzeitschrift - weil ihm das Thema am Herzen geht und er gerne seine Entdeckungen, seine Beiträge zum Wissen der Welt mit uns alle teilen möchte. Der gute Mann wird aber 95 Jahre alt undso kommt es das "$pringer & Co" die irgendwann mal den keinen Original-Verlag aufgeschluckt haben "150" Jahre nach der Veröffentlichung uns den komfortabelen, kostenlosen Zugang zum Artikel, oder auch die Wiederbenutzung von Textfragmente oder Zeichnungen, verbieten können und hinter 40 Euro Gebühren verstecken. Alles ganz gesetzlich gutgeheissen. Tolle Jungs die sich damals kaufen haben lassen sölche Gesetze ab zu knicken.

Und ja - mir ist auch schon bekannt das ich grundsätzlich "kostenloser(?) Zugang" zu diese Artikel bekommen kann indem ich eine Bibliotheke ausfindig mache welche die damalige Zeitschrift auf Lager hat und dann entweder 400km dorthin verreise oder gebührenpflichtig Kopien erstellen und zuschicken lassen kann. Vonwegen: "kostenlos". Das ist in Zeiten vom Internet und digitalisierung doch nur noch mittelalterlicher Dünnschiss. Die Sachen sind längst eh digitalisiert, oftmals zudem (mal wieder) mit gemeinnützige Subvenzionierungsgelder. Und wenn mal eine "Firma" selber für die Digitalisierung herhällt, dann kommen die Dinger erst recht oftmals nicht online, selbst wenn die gesetzliche Schutzfrist längst abgelaufen ist.

So, sorry für den Monolog. Ist auch alles nicht so schwarz-weiss, aber trotzdem schön das mal wieder los zu werden :)

Fazit ist: Wer nicht irgendwie an einer Uni oder Untersuchungsanstallt verbunden ist, oder neben einer guten entomologische Bibliotheke wohnt, dennoch wissenschaftlich interessiert, hat grundsätzlich sauschlecht Karten um an einigermassen aktuelle Arbeiten heran zu kommen (sprich alles was nach 1922 herausgegeben wurde).

Nun ja, das sollte man schon etwas nuanzieren. Eigentlich sind besonders die meist aktuelle Sachen immer besser und schneller online verfügbar. Da zeichnet sich, dank "Open Access" usw ein deutlicher Trend ab und auch viele entomologische Vereine und Museen usw geben immer mehr (aktuelle) Arbeiten schnell online als download frei. Da bleibt die "Versorgung" mit mittelfristig ältere Werke (so global zwisschen 1922 und 1990/2000) deutlich nach, weil da muss zumindest bei ent. Vereine usw wirklich einen digitalisierungsschlag beim "alten Zeugs" gemacht werden.

Damit kommen wir aber zum nächsten Punkt. Eine zentralisierte Datenbank, bzw annotierte Bibliografie? Mir ist noch nichts umfassendes über den Weg gekommen. Es werden hauptsächlich hunderte verschiedene Systeme gewartet die alle irgendwie versuchen "umfassend" zu sein - entweder für ein Fachgebiet, oder für ein Verlag oder oder - aber nichts ist wirklich umfassend und man kann sich auch fragen ob es jemals soweit kommen wird. Hoffnungsvolle Ansätze, bzw Intentionserklärungen dazu gibt es natürlich allemal - Du und ich sind nicht die ersten die sich einfallen haben lassen das sowas sinnvoll wäre, aber es wird wohl noch einiges an Zeit brauchen. Am nahesten kommen im Moment wohl die unterschiedliche Meta-Suchsystem der Universitäten und Verlage, die dann leider natürlich meist auf (für Normalsterbliche sehr teuer) bezahlte Digitalversionen auskommen (wenn schon), wobei viele dieser Arbeiten anderswo als freier Download zu haben sind.

Den letzten 10 Jahre (doch schon wieder - männooo, fliegt die Zeit) hab ich mich ziemlich intensiv mit der entomologie befasst. Über Krabbeltiere hab ich nicht unbedingt sehr viel gelernt, oder jedenfalls nicht soviel als ich hätte lernen können in dieser Zeit. Eins hab ich aber gelernt: Suchen. Und damit ist wohl auch das grösstteil dieser 10 Jahre drauf gegangen. Suchen, suchen, suchen ... endlos ... und nur manchmal auch finden, kurz lesen woraus sich dann wieder neue Suchorgien ergeben.

Eine sehr aktuelle Studie zeigt übrigens das moderne "Wissenschaftler" sich diese Mühe immer weniger machen. Das ist mir in Diskussionen oder beim lesen von Artikel usw auch schon öffters aufgefallen. Man kennt schlichtweg die "Vorgeschichte" des Fachgebietes nicht mehr. Wichtige Publikationen, teilweise schon mehrere Jahrzehnt älter bzw sölche die längst bekannt sein sollten, werden nicht beachtet weil man diese schlichtweg nicht kennt: Nicht gefunden hat, oder nicht gelesen hat (weil in einer unzugängliche Sprache oder aus sonstirgendwelche Gründe). Die neue Studie belegt auch das in den letzten Jahren zudem - unter Druck von "Veröffentlichungszwang" welche von viele Unis/Arbeitsgeber aufgelegt wird - soviel "neues" veröffentlicht wird das es wirklich schlichtweg unmöglich ist alles auf dem eigenen Fachgebiet bei zu behalten (wenn auch vieles von wirklich sehr mässiger Qualität ist - publiziert des publizierens wegen). Das ist wirklich ein echtes zusätzliches Problem.

Was man als Untersucher brauchen würde ist ein bibliografisches System das wirklich alle Literatuur des Fachgebietes kennt und zwar nicht nur die Titel und einige Stichwörter, aber wirklich auch die Inhalte und zwar so das auch bei jeder Arbeit annotoert ist ob bestimmte Behauptungen/Schlüsse z.B. später schon wieder bemängelt/wiederlegt worden sind usw. usw. Also wenn ich die Arbeit von Schmitt (1977) heraussuche, das dieses System mir sofort erzählt das im Johnson (1989) Fehler vom Schmitt auf Seite soundsoviel belegt werden. Sölche Sachen. So ein System zu füttern ist eine Heidenarbeit aber meiner Meinung nach würde es langfristig unentbehrlich sein. Sowas gibt es noch nichtmal wirklich ansatzweise (nun ja - ich arbeite an ein Prototyp ;) )

Für viele Ordnungen/Tiergruppen sind bei meine endlose Suchereien gute Quellen auffällig geworden die dann natürlich immer wieder zuerst angefahren werden. Oder aber einige gut "generelle" Literaturquellen wo man oft fündig wird. Teilweise sammelt sich das alles "im Kopf", etwas weniger in den "Favoriten" des Browsers und noch weniger werden sölche Links dann mal zusammengefasst in Linklisten welche in kürzer Zeit veraltet sind.

Im Moment hab ich auch keine Zeit um auch nur eine kurze Liste von sehr nützliche "algemeine" Literaturbanken zusammen zu schreiben und es stellte sich auch dei Frage ob Du die eh nicht schon lange alle kennst (BHL, Gallica, Zobodat, div. entomologische Vereine usw usw). Vieleicht später ...

Muss nun rennen. Fazit: Nein - ein guter zentraler Zugang wo man alles findet gibt es nicht. Selbst für eingeschränkte Fachgebiete kaum. Fallbeispiel: The Lacewing Digital Library gibt ein sehr guter Startpunkt für die Suche nach Literatur über Netzflügler und hat auch für sehr vieles PDFs zur verfügung. Einiges finde ich dort aber auch nicht und als PDF erst recht nicht - oftmals muss ich die wieder anderswo aufschnurren. So ist es wohl in alle Fachbereiche.

LG, Arp

  • »Werner David« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 82

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3

Samstag, 28. März 2015, 18:08

Wow ... das dürfte mit Abstand die umfassenste Anwort sein die ich seit Ewigkeiten in einem Forum bekommen habe. Ganz herzlichen Dank! Das muß ich mir jetzt erst einmal in Ruhe zu Gemüte führen. ;)

Danke für deine Mühe! :brav:

LG Werner

4

Samstag, 28. März 2015, 18:39

Wenn eine etwas kürzere Antwort auch genehm ist:

Im Prinzip findet man sehr viel Literatur über open source-Zugänge im internet, gerade bei den älterne Zeitschriften. Man muss nur etwas suchen und im web findig sein. Das wird auch immer besser, weil immer mehr Organisationen scannen und die Scans frei anbieten.

Wenn man sich in ein Fachgebiet tiefer eingearbeitet hat und ein paar Kollegen kennt, hat man zudem die Chance, von diesem Literatur zu erhalten. Wenn man zudem in einer größeren Stadt mit Unibibliothek wohnt, kann man dort auch sehr viel Literatur ausleihen und ggf. selbst über den Scanner/Kopierer ziehen. Zudem bekommt ein wissenschaftlicher Autor zwar kein Geld, aber dennoch das Recht (oder zumindest die Möglichkeit), seine Artikel als pdf weiterzugeben. Das gilt auch für Kostenpflichtige Zeitschriften wie Zookeys und ähnliches. Daher kann man viele Leute einfach mal anschreiben, und hat - schwups - die Literatur. Und bei vielen Insektengruppen gibt es zudem Netzwerke, die Literatur auch austauschen.

Zusammengefasst ist die Situation heute um ein vielfaches besser als z.B. noch vor 30 Jahren. Als ich mit den Stechimmen angefangen habe, stand ich noch Tage in verschiedenen Unibibliotheken und habe mir Ordnerweise die Literatur zusammenkopiert. Ging auch, und ich bin immer - bis heute - an alles rangekommen, was ich brauchte. Doch, wie gesagt, man muss etwas findig sein und darf natürlich nicht erwarten, dass das Internet alles für einen erledigt. Doch so schlimm, wie Arp das schildert, empfinde ich die Situation überhaupt nicht.

5

Samstag, 28. März 2015, 20:44

Hallo Christian,

Klar wird die Lage gerade in letzter Zeit allmählich immer besser, aber trotzdem kommt man an sehr vieles immer noch schlecht heran. Vor allem oftmals immer noch aktuelle Arbeiten aus den 50-80 des letzten Jahrhunderts sind meist problematisch. Den Autor gibt's nicht mehr (vonwegen nachfragen) und das Interesse diese Arbeiten nachträglich zu digitalisieren ist bei den Rechtenhabenden meist gering.

Beispiel: Der Niederländische Entomologische Verein hat seit längere Zeit die Ausgaben von "Entomologische Berichten" ab 2005 online (bis auf den letzten 3 Jahre - diese nur für Mitglieder). Yup. Ab 2005. Das Blatt gibt es ab irgendwo rund 1900. Nun hab ich vor einige Wochen für 50 Euro die ganze Jahrgänge ab irgendwo 1940 oder so bekommen und höre aber das die ältere Ausgaben auch "in kurze" online kommen sollen ... das wird so sein wie damals als ich vom Weihnachtsgeld allerhand Assel-Literatur beim Museum in Stuttgart bestellt hatte für schlappe 70 Euro, die dann keine 2 Wochen später(!) plötzlich auch bei BHL online zu haben waren. Sauer - das waren wieder 2 Trips nach Leiden (Bibliotheke) die ich mich dann besser für das Geld hätte leisten können. Also: Ja, es geht voran - langsam, langsam - aber sehr viel der mittelfristig ältere Arbeiten sind wie in diese Beispiele dann doch noch nicht zu haben in dem Augenblick das man sie gerne Lesen würde.

Der Unterschied in unsere Erfahrungen mag auch folgendermassen erklärt werden: Ich vermute mal das Du (länger?) Student warst oder als Mitarbeiter an einer Uni oder andere Untersuchungsanstallt verbunden sodas Du oft/länger Zugang hattest zu den Resourcen wo man Werner und mich für 3 Seiten A4 aus 1976 30 Euro abverlangt. Zudem, wie Du ja selber schreibst warst Du in eine grössere Stadt mit ordentliche entomologische Bibliotheke Ich kann wirklich hemmungslos behaupten das wenn beide nicht zutreffen man immer noch fies aufgeschmissen ist - trotz immer besser werdende online Verfügbarkeit. Für eine vernünftige Bibliotheke (die übrigens auch nicht alles hat) muss ich auf nicht existierendem Budget 400km (roundtrip) verreisen, weshalb ich leider nur 2-3 mal im Jahr einen Tag Kopie/Scan-Orgie dort machen kann und diese Zeit reicht bei langem nicht aus um auch nur ein Bruchteil von das was man "gewollt" hätte erledigt zu bekommen. Würde ich Leiden wohnen wäre ich wohl jede Woche ein-zwei Tage am Kopieren und käme viele Projekte/Aussuchereien sehr viel schneller vom Stapel.

LG, Arp